Willkommen in Vietnam.
Wir schreiben das Jahr 2011.
Diese beiden Bilder entstanden auf dem Ho Chi Minh / Lam Son – Platz (zwei divergierende Auskünfte führen dazu, dass ich bis heute nicht weiß, wie dieser Square heißt). Man sieht sehr gut, dass 1986 hier noch anwesend ist, als wäre es nie weg gewesen. Die Flaggen sind neu, die Flaggen sind in Schuss, die Flaggen sind gepflegt.
Hier in der Schule, die in diesem Jahrhundert erbaut wurde, steht im Musikraum die Büste von Onkel Ho. Neben ihm sind – auf gleicher Höhe – ein Stern sowie ein Hammer & Sichel. Das ist also kein anachronistischer Fall von „Wir haben kein Geld, diese Sowjetflaggen abzuhängen“; es ist vollste Absicht, diesen fahlen Nachgeschmack des großen Genossen zu belassen. In der Hoffnung, er käme eines Tages zurück? Nein, das wohl eher nicht. Denn nicht einmal ein halbes Jahrhundert nach dem Krieg stehen die USA wieder hoch in der Gunst der Vietnamesen. Verwundert habe ich geblinzelt, als ich zum ersten Mal einen Mopedhelm sah, auf dem stolz „U.S.A.“ in rot-weiß-blau prangte. Die Kleidung mit den US-amerikanischen Fahnen, von Kindern wie Erwachsenen getragen, konnte dann kaum noch überraschen. Obwohl der Vierjährige, der einfach nur das star-spangled banner als T-Shirt trug, dann doch etwas seltsam war...
Auch Micky Maus und Co. stehen sehr hoch im Kurs. Nachmittags werden die Kinder im Kindergarten meist mit Fernsehen ruhig gestellt, und in einem Großteil der Fälle handelt es sich um Tom & Jerry. Die Wände sind unter anderem von Goofy und Donald Duck geziert. Chi Van, eine Erzieherin, die unerklärlicherweise einen Narren an mir gefressen hat, hat braun gefärbte Haare, schminkt sich die Augen, um sie kaukasischer erscheinen zu lassen, und nennt stolz ein mit golden funkelnden falschen Diamanten bestücktes iPhone ihr eigen. Nordamerikanische Kultur ist hier unglaublich beliebt, und das irritiert mich maßlos.
Da Beschwerden eintrafen, dass es hier nicht den Erwartungen entsprechend nach Dritter Welt aussieht (tut mir echt Leid!), habe ich mich auf die Suche begeben, um möglichst vernachlässigte Ecken der Stadt zu fotografieren. Ich musste circa fünf Minuten zu Fuß gehen, bis ich auf diesen äußerst fotogenen Müllplatz stieß, der einem süditalienischen Bild entsprungen zu sein scheint. Der Müll liegt einfach neben der Straße.
Glücklicherweise ist die Müllabfuhr nicht weit weg! Zwar ist der Geruch, den diese kleinen Wägen verbreiten, sobald man sich ihnen auf mehr als zehn Schritte nähert, ekelerregend, aber hey, lieber eine Müllabfuhr aus der Bronzezeit als gar keine Müllabfuhr, wie ich immer zu sagen pflege.
Ah, ein sehr schönes Beispiel von der vietnamesischen Interpretation postmoderner Architektur. Dies ist das Wohnhaus von zwei Familien. Auf dem Square selbst gibt es noch andere Behausungen, die ich nicht fotografiert habe. Es gibt auf diesem Square eine Art Bühne; unter dieser Bühne leben etwa zehn Familien in garagenähnlichen Einrichtungen.
Im Hintergrund sieht man das Lan Anh Hotel. Da ich als Europäer aber immer angeglotzt werde, als hätte ich grüne Tentakel als Extremitäten, schätze ich, dass die meisten Touristen aus dem asiatischen Raum stammen.
Fußballspieler auf dem Square. Ab fünf Uhr – allgemeiner Feierabend in der Stadt – kommen sie alle auf den Platz und spielen. Aufgrund der Hitze trägt nur etwa ein Drittel von ihnen ein T-Shirt.
Ich schau' diesen jungen Burschen gerne zu.
Neben den Fußballspielern gibt es auch noch Garküchen, Zuckerwatteverkäufer und Porzellanfiguren. Diese weißen Figuren werden von Familien angemalt; es scheint ein normaler, kinderfreundlicher Zeitvertreib zu sein.
Zum Abschluss noch ein idyllisches Bild, das auf dem Heimweg entstand. Was für'n süßes Hündchen. Nein, er ist nicht wild: Hundehalter sperren ihre vierbeinigen „Freunde“ entweder ein, ketten sie an oder lassen sie einfach in der Stadt herumziehen, wurde mir erläutert. Welch ein anarchistisches Chaos.
Ich bin immer noch krank.
Liebe Grüße
Laura
Naja, wenigstens hast du ein angenehmes, attraktives Unterhaltungsprogramm.:) Dein Stadtrundgang ist ja was ganz Besonderes. Ich sehe wenig Verkehr, ist das wohl eher eine ruhige Gegend? Ich glaube, sie mögen Amis noch ein wenig mehr als Chinesen. Viel Spass beim Eis-Essen!
AntwortenLöschenWie gross doch der Unterschied zum "entwickelten" Europa scheint. Der Müllhaufen wirkt ja geradezu idyllisch im Vergleich zur Innenstadt von Neapel. Freut mich das du halbbekleideten jungen Burschen gerne zuschaust ;-) Ansonsten fällt es mir irgend wie schwer, dies widersprüchliche Faible für us-amerikanische "Kultur" zu verstehen......
AntwortenLöschenirgendwie beruhigen mich deine Kommentare. Ich hatte Bedenken, dass du in so ein komisches Dschungelcamp gerätst. Aber der Müllhaufen sieht wirklich noch ganz ok aus. So einer steht auch seit etwa drei Tagen in Berghausen, vom Sperrmüll nicht weggeräumt. Auch kenne ich da eine Wohnung in Berghausen, in der viele Donald-Duck-Hefte stehen :-) und Kinder mit Ami-Shirts habe ich auch schon gesehen.
AntwortenLöschenAlso Berghausen-Vietnam, nicht so weit voneinander entfernt, du müsstest dich heimisch fühlen... Viel Spaß weiterhin.
Wow, nach diesen Bildern muss ich sagen... dass ich dich unbedingt mal gerne besuchen würde. Wenn es nur das nötige Geld geben würde, ich sags dir, ich würd mich in den Flieger setzen :(
AntwortenLöschenDie Welt ist ein Dorf :D
AntwortenLöschenTja, Josileinchen, wenn du in den Semesterferien nicht irgendwelche coolen Leute besuchen würdest, sondern schaffen gehen würdest, dann hättest du den Flug in Nullkommanix :I